Du scrollst bei den Nachrichten rund um Umweltkatastrophen und Extremwetterereignisse schnell weiter? Damit bist du nicht allein. Hitzewellen und Dürre hier, Starkregen und Überschwemmungen dort. Die Konsequenzen des Klimawandels sind längst spürbar und oft heißt es nur: Die Politik muss es richten. Aber was, wenn auch du etwas tun kannst? Eine Redakteurin von bene. hat es ausprobiert und an einem freiwilligen Umweltprojekt teilgenommen. Was sie dabei erlebt hat? Viel Natur, gute Gespräche und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.
Projektstart im Kaisertal/Tirol: Montag, 19. Mai 2025, 06:15 Uhr
Der Wecker läutet mich aus dem Schlaf. Durch die weiß-rot karierten Vorhänge blinzeln die ersten Sonnenstrahlen, in der Ferne rauscht der Wildbach. Normalerweise bin ich kein Mensch der frühen Stunde, doch in dieser wunderschönen Bergkulisse fällt selbst mir das Aufstehen nicht schwer. Immerhin wartet ein Stockwerk tiefer ein herzhaftes Hüttenfrühstück für einen guten Start in den ersten Arbeitstag.
Das Umweltprojekt – wer mitmacht und warum
Insgesamt 19 Freiwillige – mich eingeschlossen – sind am Vortag aus allen möglichen Ecken Österreichs und Deutschlands angereist. Unterschiede in Sachen Alter, Charakter und Ausbildung sind vorhanden und doch haben alle ein und dieselbe Motivation: für Klima- und Umweltschutz anzupacken. Die vom Alpenverein organisierten Bergwaldprojekte dauern jeweils sieben Tage. Außer einem Mindestalter von 18 Jahren gibt es keine Anmeldekriterien. Kost und Logis sind für alle Teilnehmer*innen gratis.
Teilnehmerin Sarah ist aus der Steiermark angereist und nimmt bereits zum sechsten Mal an einem freiwilligen Umweltprojekt teil. „Ich möchte einfach aktiv zum Naturschutz beitragen und eine Woche bei jedem Wetter Zeit in der Natur verbringen“, beschreibt sie ihre Motivation.
Nach einem gemeinsamen Frühstück versammeln wir uns in voller Montur vor der Hütte: Wanderbekleidung, Bergschuhe, Gamaschen, Arbeitshandschuhe – diese Ausrüstung müssen die Teilnehmer*innen selbst mitbringen. Auch Sonnencreme und Zeckenspray wird untereinander geteilt. Danach geht es in Begleitung des Stadtförsters zu Fuß in Richtung Talschluss. Nach rund 20 Minuten stehen wir vor unserem heutigen Einsatzgebiet: eine zwei Hektar große Waldfläche.

Schon gewusst?
Der Wald im Kaisergebirge reinigt nicht nur die Luft und schützt vor Muren, Lawinen und Steinschlägen, sondern spielt auch eine bedeutende Rolle als Quellschutzwald und ist somit enorm wichtig für die einwandfreie Trinkwasserversorgung der dortigen Bevölkerung.

Warum der Wald mehr Vielfalt braucht
Derzeit wachsen dort vorwiegend Fichten, doch um Extremwetterereignisse wie lange Dürreperioden und punktuellen Starkregen besser abfangen zu können, setzt man künftig auf eine stärkere Durchmischung. Eine größere Vielfalt macht den Wald nicht nur stabiler, sondern auch weniger anfällig für Krankheiten und Schädlinge.
„Fichten sind Flachwurzler und daher weniger hitzebeständig“, erklärt Projektleiter Klaus Freisinger. Was macht Tannen im Unterschied dazu robuster? Tannen haben sehr tiefe Wurzeln und sind somit besser gewappnet für lange Trockenperioden. Neben der Tanne sind auch Laubbäume und die hierzulande eher seltene Eibe willkommen.
„Die Fichte sticht, die Tanne nicht“, ist eine willkommene Eselsbrücke für all jene, die Zweifel bei der Unterscheidung der zwei Nadelbaumarten haben. Einigen in der Gruppe ist der Tiroler und Vorarlberger Dialekt nicht geläufig und so kommt es immer wieder zu Verständnisschwierigkeiten. Deshalb wird noch schnell geklärt, ob alle wissen, was zu tun ist, wenn es heißt: „Baum fällt!“

Mit handlichen, roten Baumsägen ausgestattet kriechen wir durch das Dickicht und lichten aus, um zukunftsfähigen Bäumen mehr Platz und Licht zu verschaffen. Das entnommene Gehölz belassen wir bewusst am Boden: Es schützt vor Verdunstung, dient als Dünger und hindert das Wild daran, die Bäume anzuknabbern.
„Mittagspause“, ruft Gruppenleiter Karl “Charly” Ehrlenbach Punkt 12 Uhr durch den Wald. Einige haben derart Spaß an der Arbeit, dass sie erst 15 Minuten später am Picknickplatz eintreffen. Im Halbkreis sitzend und mit einem gut belegten Jausenbrot in der Hand genießen wir die Ruhe und das Zwitschern der Vögel. Ich atme die frische Luft ein und frage mich, wann sich Arbeit zuletzt so anstrengend und gleichzeitig sinnstiftend angefühlt hat.
Offline im Wald: Verbindung ohne Empfang
Vier Arbeitsstunden später machen wir uns auf den Rückweg. Müde und zufrieden gönnen wir uns noch Kaffee und Kuchen, bevor wir vom Hüttenpersonal mit einem deftigen Abendessen verwöhnt werden. Im Anschluss wird gequatscht, Karten gespielt und viel gelacht. Netzempfang gibt es auf der Hütte keinen. Das stört aber soweit niemanden, denn die Verbindung, die hier zur Natur und in der Gruppe entsteht, ist wertvoller.
Das einfache Leben inmitten der Natur hilft mir, mich auf das Wesentliche zu besinnen. Wieder einmal wird mir klar, wie viel Ruhe und Entspannung die Natur zu bieten hat.
Freiwillig bei jedem Wetter
Mitte der Woche steht Erholung am Programm. Den Mittwoch verbringen wir in Kufstein und bekommen dort unter anderem interessante Vorträge zur Bedeutung des Waldes. Ansonsten sind wir täglich rund sieben Stunden im Einsatz. Eine weitere Projektfläche liegt in der Nähe der Stadt. Dort forsten wir am Donnerstag Bäume und Sträucher auf.
Bis jetzt spielte das Wetter mit, doch an diesem Tag verpasst uns der Blick aus dem Fenster einen Dämpfer: Es regnet in Strömen. Beim Frühstück wird getrödelt, niemand hat so richtig Lust, die Hütte zu verlassen. Nach einer kurzen Lagebesprechung entscheiden wir jedoch, es zu versuchen. Mit Regenhosen und Ponchos machen wir uns auf den Weg. Kalt ist es zum Glück nicht und so stellen wir schnell fest, dass es trotzdem Spaß macht, gemeinsam draußen zu arbeiten.
„Man bekommt bei der Arbeit ein Bewusstsein dafür, was im Wald alles passiert und wie wichtig er für uns ist“, erklärt Teilnehmer Siegfried seinen Tatendrang trotz durchnässter Regenkleidung.
Ein Highlight folgte am Donnerstagabend. Rudi Kreiner, einer der beiden Gruppenleiter, schlägt nach dem Essen eine Diskussionsrunde zum Thema Nachhaltigkeit vor. Wie kann man selbst im Alltag oder auf Reisen nachhaltiger leben? Vom Kauf regionaler Produkte bis hin zur Verwendung von Wasserfiltern auf Reisen, um Plastikmüll zu vermeiden, sind einige wertvolle Tipps dabei. Auch das ist ein Anliegen der Bergwaldprojekte: Wissen und Tipps miteinander zu teilen.

Wie Freiwilligenarbeit stärkt und Hoffnung macht
Am Freitag, dem letzten Einsatztag, lasse ich die Woche gedanklich Revue passieren. Trotz der Blase auf meiner rechten Hand und des Muskelkaters macht sich in mir ein Gefühl von Zufriedenheit und Zuversicht breit. Zu sehen, wie viele Menschen sich in ihrer Freizeit oder sogar in ihrem Urlaub aktiv für Umwelt- und Klimaschutz engagieren, stimmt mich positiv.
Gemeinsam haben wir in fünf Tagen fünf Hektar Wald bearbeitet, 150 Bäume gepflanzt und somit einen wertvollen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Waldes im Kaisergebirge geleistet. „Es ist wirklich schön, mit einer Gruppe Gleichgesinnter für die Zukunft anzupacken“, ist das Fazit von Teilnehmerin Marion.
„Be the change you want to see in the world“ – Mahatma Gandhi
Auch wenn diese Woche global gesehen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein mag, kann richtige Veränderung nur dann passieren, wenn alle mitanpacken und im Rahmen des für sie möglichen Zeichen setzen.
„Wenn dann noch eine tolle Gruppe zusammenkommt, macht die gemeinsame Arbeit gleich doppelt so viel Spaß“, meint Sarah und ergänzt: „Nach so einer Woche wirft man einen optimistischeren Blick in die Zukunft – im Bewusstsein, dass wir gemeinsam sehr wohl etwas bewegen können.“
Auch ich fühle mich nach dieser Woche angesichts der weltweiten Umwelt- und Klimakrise weit weniger ohnmächtig. Die Arbeit im Wald und das neu erworbene Wissen rund um dieses kostbare Ökosystem hat mir gezeigt: Man kann mit seinen eigenen Händen etwas bewirken und ist nicht so machtlos, wie es sich beim Scrollen manchmal anfühlt.
Warum du dich nach so einer Woche besser fühlst – wissenschaftlich erklärt
Selbstwirksamkeit ist ein Konzept des kanadischen Psychologen Albert Bandura. Sie beschreibt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten und die innere Überzeugung, aus eigener Kraft herausfordernde Situationen oder Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können.
Freiwilligenarbeit stärkt nachweislich die Selbstwirksamkeit. Teilnehmer*innen von Freiwilligenprojekten berichten, dass sie durch ihr eigenes Handeln mehr Vertrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten entwickeln konnten.
Hier kannst du selbst aktiv werden:
- Österreichischer Alpenverein: einwöchige Bergwaldprojekte und Umweltbaustellen in Österreich
- SCI Austria: Projekte zwischen 1 Woche und 12 Monaten im In- oder Ausland
- FUJ– Freiwilliges Umweltjahr: 6–12 Monate Engagement für Umwelt, Naturschutz und Nachhaltigkeit in Österreich
Wusstest du, dass…
…sich fast die Hälfte der Bevölkerung (49,4%) in Österreich freiwillig engagiert?
Autorin: Monika Linert





