Radikalisiert, manipuliert, abgehängt? Soziale Medien stehen zunehmend in der Kritik. Doch nicht alles daran ist schlecht – ganz im Gegenteil. Für viele Jugendliche bedeuten Plattformen wie TikTok oder Instagram Austausch, Zugehörigkeit und neue Perspektiven. bene. hat mit Jugendlichen und Expert*innen gesprochen – und zeigt, wie Social Media junge Menschen auch stärken kann.

Wien Westbahnhof, 12:20 Uhr. Mit jeder ankommenden U-Bahn drängt ein weiterer Schwall von Menschen in die unterirdische Bahnhofshalle. Die meisten tragen ihr Smartphone in der Hand. Es sind gerade Sommerferien und viele junge Leute sind unterwegs. Genau sie stehen im Mittelpunkt der aktuellen Debatte, ob es für Social Media eine Altersbeschränkung geben soll.

Österreichs Bundesregierung plant, künftig alle Jugendlichen bis 16 Jahre von den sozialen Netzwerken auszuschließen. Auf EU-Ebene machen Griechenland, Spanien und Belgien Druck, ein Mindestalter einzuführen. Albanien sperrt TikTok seit März komplett. Nur ein radikaler Eingriff durch ein Verbot scheint die politische Lösung zu sein.

bene. spricht sechs Jugendliche im Alter zwischen 17 und 21 Jahren am Westbahnhof an. Drei von ihnen sind für ein Verbot, drei dagegen. Auch laut der Ö3-Jugendstudie sind 81 Prozent der 16- und 17-Jährigen für eine Altersgrenze.

Aus Sicht von Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von saferinternet.at, ist das eine nachvollziehbare Reaktion. bene. trifft sie in ihrem Büro im dritten Wiener Gemeindebezirk zum Gespräch. Sie meint, dass ältere Jugendliche bereits sehr gut reflektieren können, welche negativen Erfahrungen sie online lieber nicht gemacht hätten und jüngere davor bewahren wollen. Trotzdem sei es keine Lösung, ihnen diesen wichtigen digitalen Lebensraum wegzunehmen, denn Social Media habe für Jugendliche auch vieles verbessert.

Soziale Vernetzung

“Es macht es sehr einfach, mit Freund*innen auf der ganzen Welt zu kommunizieren. Es gibt einige Leute, von denen ich hin und wieder in einer Story sehe, was die so in Barcelona oder auf der anderen Seite des Atlantiks machen.” Mirko (20, Name geändert) nutzt Social Media vor allem, um mit seinen Freund*innen in Kontakt zu bleiben und von deren Leben mehr mitzubekommen.

Aber auch das “in Kontakt kommen” ist via sozialer Medien möglich. “Man kann Menschen finden, die ähnliche Probleme haben wie man selbst”, sagt die Anthropologin Suzana Jovicic. Sie spricht von Communitys, die im analogen Raum so vielleicht gar nicht möglich wären, zum Beispiel, weil es in der näheren Umgebung keine Gleichgesinnten gibt. Gerade für Jugendliche, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung in der Außenseiterrolle fühlen, können Online-Communitys, mit denen sie sich identifizieren, entlastend oder sogar befreiend wirken.

Zugang zu diesen Communitys könnten künftig nur noch Jugendliche ab 16 haben. Unabhängig davon bestehen aber ohnehin schon Altersgrenzen. Laut den Nutzungsbedingungen von TikTok und Instagram dürften nur Personen ab 13 Jahren einen Account erstellen. Ohne elterliche Begleitung sieht das österreichische Recht schon jetzt eine Grenze von 14 Jahren vor, die aber gegen die im Ausland sitzenden Plattformen nicht durchsetzbar ist. Darüber hinaus kontrollieren die Plattformen nicht, ob bei der Anmeldung überhaupt das korrekte Geburtsdatum angegeben wird.

Body Positivity

Ein häufig genanntes Argument gegen die sozialen Medien ist der Einfluss unrealistischer Körperbilder auf die psychische Gesundheit. Genau darauf stützen die Politikerin Barbara Neßler (Die Grünen) und vier weitere Nationalratsabgeordnete ihre Forderung nach einer Altersbeschränkung bis 16 Jahre in einem Entschließungsantrag an die Bundesregierung vom April 2025.

Hannah (Name von der Redaktion geändert) erzählt wie Social Media ihr Körperbild positiv geprägt hat. Bild: bene.

Die Darstellung von geschönten Körpern in Medien und der Werbung ist aber keineswegs ein Phänomen, das erst seit der Erfindung von sozialen Netzwerken existiert.

“Früher war man Medien ausgesetzt, die ein gewisses Frauen- und Männerbild gezeigt haben. Heute hat sich das durch die Body-Positivity-Bewegung erfreulicherweise zum Besseren gewandt.” Magdalena Mangl von den Wiener Jugendzentren erzählt bene. im Interview, dass es ohne Social Media gar nicht erst zu einem gesellschaftlichen Umdenken im Zusammenhang mit Körperbildern gekommen wäre. TikTok spiegle aufgrund des Algorithmus zwar nicht immer die Vielfalt an Körperformen wider, allerdings sei es für Jugendliche sehr einfach, selbst nach Role Models zu suchen und zu bestimmen, was sie sich ansehen.

Die bunte Magnettafel in Magdalena Mangls Büro spiegelt die Vielfalt der Wiener Jugendzentren wider. Bild: bene.

Hannah (17, Name geändert) sieht das genauso. Sie habe ihren eigenen Körper früher nicht schön gefunden. Auf die Stimmen, die ihr vorgeschrieben haben, dass sie sich auf Social Media nicht vergleichen solle, habe sie aber trotzdem nie gehört: “Social Media hat mir geholfen, mich mehr zu akzeptieren.”

Jugendliche reden mit

Laut der österreichischen Werbemarktstudie verlagert sich das Werbevolumen immer mehr von Fernsehen und Print-Produkten hin zu den Social-Media-Plattformen. Im Vergleich haben Werbebuchungen in Österreich bereits 2023 bei den internationalen Digitalkonzernen, wie TikTok oder Facebook, jene bei den klassischen Medien überholt – ein Trend, der sich fortzusetzen scheint.

Dementsprechend steigt die potenzielle Reichweite von Social-Media-Posts enorm. Jungen Menschen ist es dadurch möglich, die gesellschaftlichen Narrative mitzubestimmen, die früher den sogenannten “Leitmedien” vorbehalten blieben.

Auch wenn die Politik junge Menschen oftmals kollektiv als Leidtragende von sozialen Medien darstellt, beobachtet Suzana Jovicic eine selbstbestimmtere junge Bevölkerung: “Jugendliche sind keine Opfer von sozialen Medien, sondern gestalten diese auch mit.”

Ganz ohne Grenzen werden die sozialen Medien auf Dauer aber wohl nicht auskommen. Eine generelle Anhebung der Altersgrenze wäre ein harter Eingriff. Dabei würden jene Möglichkeiten außer Acht gelassen, die Social Media für Jugendliche überhaupt erst schafft. Die Gespräche, die bene. geführt hat, zeigen, dass die positiven Aspekte genauso diskutiert werden müssen. Und das vor allem mit der wichtigsten Gruppe: den Jugendlichen selbst.

Autor*innen: Alexander Wieder, Emily Eggner, Klara Oppenheim, Christian Rauch

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