Third Space. Dieses informelle Konzept beschreibt Orte abseits unseres Zuhauses oder der Arbeit, in denen wir uns wohlfühlen und viel Zeit verbringen – etwa Cafés, Parks oder Bibliotheken. Der Begriff geht zurück auf den Soziologen Ray Oldenburg, der bereits 1989 in seinem Buch The Great Good Place darüber schrieb. Doch Konsumzwang, steigende Preise und fehlende Infrastruktur schließen viele Menschen davon aus. Gerade junge, einkommensschwache und einsame Personen bleiben oft außen vor. Warum wir dringend neue Orte des Zusammenlebens brauchen – und was ein Ikea-Restaurant damit zu tun hat.

Öffentlicher Raum neu gedacht: Begegnung, Bewegung und Austausch im städtischen Außenbereich. Bild: Canva

Das Wiener Vorzeigemodell für einen Third Space” sind die typischen Kaffeehäuser und die damit verbundene Kaffeehauskultur. Wir lesen, tauschen uns aus, treffen Freund*innen, und wenn wir Glück haben, merken sich Kellner*innen nach regelmäßigen Besuchen, dass wir die Melange mit Hafermilch trinken.

Doch mit Lokalen geht ein Konsumzwang einher, der meist junge und einkommensschwache Menschen ausgrenzt und sie aus den Räumen ausschließt – denn das öffentliche Leben ist weitestgehend kommerzialisiert. Auch der starke Preisanstieg der letzten Jahre und die Entwicklung zu einer kürzeren Verweildauer durch Maßnahmen wie laptopfreie Zonen tragen zum Rückgang des „öffentlichen Wohnzimmers“ bei. Für eine funktionierende Gemeinschaft brauchen wir jedoch genau diese Orte, so die sozialpsychologische Längsschnittstudie der Universität Bielefeld (2025). Sie schützen vor Isolation, verbessern die psychische Gesundheit und geben ein Zugehörigkeitsgefühl, das kein soziales Medium ersetzt. *

Best Practice aus Versehen

Ein erstaunliches Vorzeigeprojekt für einen inklusiven “Third Space” ist das Restaurant im Ikea am Wiener Westbahnhof. Hier wird in Gruppen gelernt, Kaffeekränzchen abgehalten, Gesellschaftsspiele inklusive, gegessen und gelacht. Doch wieso funktioniert das hier so gut? Die Anbindung an das Öffi-Netz könnte mit der U3, U6 und mehreren Straßenbahnen kaum besser sein. Auch die Preise sind so gestaltet, dass sie jedes Budget berücksichtigen. So bekommt man einen schwarzen Kaffee zum kostenlosen Nachfüllen um 1,20 Euro und ein veganes Croissant um 1 Euro. Die Toiletten sind frei zugänglich, und durch den Selbstservice wird man nicht gefragt, ob man noch etwas möchte. Hier kann man einfach sein.

Der Ikea Westbahnhof Wien als soziale Knotenpunkte: Der moderne Third Space lädt zum Verweilen, Arbeiten und Miteinander ein. Bild: bene.

Wenn Einsamkeit politisch wird

Bereits vor der Corona-Pandemie gaben 14,5 Prozent der unter 30-Jährigen an, sich häufig einsam zu fühlen. Durch die Lockdowns und den damit verbundenen Rückgang sozialer Kontakte stieg die Zahl der Betroffenen auf ganze 48 Prozent*. Doch auch als die Masken fielen und der Alltag zurückkehrte, blieb die Einsamkeit.

Es sind nicht nur individuelle Faktoren, die das Gefühl des Alleinseins verstärken. Auch der Mangel an geeigneter Infrastruktur erschwert es insbesondere Jugendlichen, soziale Beziehungen zu pflegen oder neue Bekanntschaften zu knüpfen. In vielen Regionen fehlen niedrigschwellige Begegnungsorte wie Jugendzentren oder Freiflächen mit grundlegender Ausstattung.

Gerade in sozial benachteiligten Wohngebieten mit schlechter Infrastruktur ist Einsamkeit deutlich stärker verbreitet, zeigt auch der Bayerischer Einsamkeitsbericht (2023). Sie ist damit nicht nur ein Generationenproblem, sondern auch eine Klassenfrage, die dringend politische Aufmerksamkeit braucht. Nicht nur das persönliche Wohlbefinden ist dadurch negativ beeinflusst – sozialer Rückzug führt auch zu antidemokratischen Tendenzen. Und wenn wir für etwas keinen Raum schaffen sollten, dann für Ausgrenzung und die Radikalisierung junger Menschen.

Räume schaffen

Öffentliche Räume, wie zum Beispiel Parks, könnten inklusiver gestaltet werden. Saubere Toiletten, Trinkwasserspender, Sitz- und Liegemöglichkeiten, ausreichend Schatten und WLAN sind Grundvoraussetzungen für eine geeignete Infrastruktur.

Um solche Räume zu schaffen, braucht es politische Unterstützung. Vor allem in der Stadtplanung müssen “Dritte Orte” aktiv eingebunden, Förderungen bereitgestellt und gemeinwohlorientierte Projekte bei Mieten oder Betriebskosten unterstützt werden. Wichtig ist auch, soziale Räume zu entkommerzialisieren – etwa durch günstige oder kostenlose Infrastruktur wie Stadtteilwohnzimmer oder Jugendcafés.

Es kommt dabei auf uns alle an. Denn auch Community-basierte Initiativen, wie Nachbarschaftsprojekte, leisten ihren Beitrag. Eines sollte dabei nie vergessen werden: Nur weil man selbst aktuell nicht betroffen von Einsamkeit ist, brauchen alle trotzdem die Gemeinschaft. Wir alle brauchen das Dorf.

*Studie „Extrem einsam?“ vom Progressiven Zentrum (Februar 2023)

Autorin: Katharina Opletal-Lang

Angesagt