Während der Corona-Pandemie entwickelt Greta eine Magersucht. Kalorienzählen, tägliches Wiegen und Selbstkontrolle bestimmen ihr Leben – erst in der Therapie erkennt sie, wie sie sich aus ihrer psychischen Erkrankung befreien kann. 

Aktuelle Popmusik schallt aus den Lautsprechern. Das Lied „APT.“ von Bruno Mars und Rosé läuft. Die anderen Tische sind gut besetzt, sodass die Gespräche im Hintergrund zu einem einzigen lauten Murmeln verschwimmen. Vor und nach unserem Gespräch strahlt Greta (Name von bene. geändert) meist über ihr rundliches Gesicht. Die Studentin sitzt aufrecht in einem Holzsessel im Café „Etzthaler“ im Vinschgau. Auf ihrer Nase sitzt eine goldene, runde Brille. Greta trägt eine Bluse, dazu eine schwarze Hose. Die Südtirolerin spricht offen über ihre Erkrankung. Sie beantwortet jede Frage. Manchmal zögert die 20-Jährige ein wenig, aber nur, weil ihre psychische Krankheit mittlerweile fast fünf Jahre zurückliegt. Dann wird sie etwas ernster und erzählt. 

Die Welt steht still – und Greta verliert die Kontrolle

Im Frühling 2020 beginnt Greta, sich bewusst zu ernähren und mehr zu bewegen. Durch die Corona-Bestimmungen ändert sich ihr Alltag drastisch. Zuvor hatte die damals 15-Jährige einen geregelten Alltag. Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Freunde treffen, Abendessen. Alles bricht auf einen Schlag weg. Ihre Welt steht Kopf. Nur drei Monate nach Beginn des ersten Lockdowns erschüttert ein weiterer Schicksalsschlag ihr Leben: Ihr 16-jähriger Großcousin kommt bei einem Autounfall ums Leben. Alles scheint aus der Bahn zu geraten. Greta hat das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren und rutscht in eine Magersucht ab. 

Leben mit Magersucht

Magersucht ist eine psychische Erkrankung, bei der das Essen und das eigene Körperbild zur ständigen Belastung werden. Betroffene haben große Angst, zuzunehmen. Sie empfinden sich selbst oft als zu dick, auch wenn sie bereits stark untergewichtig sind. Ihr Selbstwertgefühl hängt häufig von der Fähigkeit ab, ihr eigenes Körpergewicht kontrollieren zu können. Greta kämpft lange mit ihrer psychischen Erkrankung, bis sie in der Therapie einen Umgang damit findet. Wie lebt man mit einer Krankheit, die einem Kontrolle verspricht und doch alles nimmt? Was hat Greta geholfen?

Der Körper als letzte Bastion

Eine Stimme in Gretas Kopf treibt sie dazu an, immer weniger zu essen. Sie wiegt ihr Essen genau ab, zählt penibel die Kalorien und stellt sich jeden Tag dreimal auf die Waage. Eine Zeit lang trinkt sie kaum etwas, weil sie selbst das Gewicht des Wassers auf der Waage als zu viel empfindet. In einer Welt, die ihr entgleitet, wird ihr Körper zur letzten Bastion – ein Ort, an dem sie noch Regeln aufstellen kann. Manchmal schreit ihr Körper nach Hilfe, dann hat sie Heißhungerattacken. Sie isst so viel, wie sonst in zwei Tagen. Danach fühlt sie sich wie eine Versagerin. 

Pandemie verstärkt Essstörungen 

Damit ist Greta nicht allein. Eine Studie, die 2021 im „British Journal of Psychiatry“ erschien, untersuchte die elektronischen Gesundheitsdaten von 5,2 Millionen Personen unter 30 Jahren. Die Daten stammten überwiegend aus den USA. Die Studie ergab, dass die Zahl der Erstdiagnosen von Essstörungen im Jahr 2020 deutlich zunahm. Im Vergleich zum Jahr davor stieg sie um 15,3 Prozent. Am häufigsten betroffen waren weibliche Jugendliche, wobei der größte Anstieg bei Magersucht-Diagnosen verzeichnet wurde.

Die Corona-Pandemie hat viele junge Menschen in eine Krise gestürzt. Gewohnte Strukturen fielen weg, sie lebten in Stillstand, Unsicherheit und Isolation. Gerade für Jugendliche, die sich in einer sensiblen Lebensphase befinden, wurde diese Ungewissheit zur Belastung. 

„Die spinnt doch!“

Greta arbeitet im ersten Corona-Sommer im Schwimmbad. Sie versteckt ihr gestörtes Essverhalten vor ihrer Familie und ihrer Arbeitgeberin. Den ganzen Sommer über trifft sie sich mit keiner ihrer Freund*innen. Sie hat Angst, mit dem Thema Essen konfrontiert zu werden. Sie überlegt sich Ausreden und lügt. 

Als Greta mit ihrer Mutter zusammen in den Urlaub fährt, sieht diese zum ersten Mal, wie wenig sie tatsächlich isst. Sie spricht ihre Tochter darauf an. Greta denkt bis dahin, keine Hilfe zu brauchen und sieht alle als Feinde an, die ihr helfen möchten. Nach einigen Auseinandersetzungen mit ihren Eltern sucht sie zusammen mit ihrer Mutter eine Ernährungsberaterin im Meraner Krankenhaus auf. In der Abteilung „Dienst für Diät und Ernährung“ arbeiten Ärzt*innen, Psycholog*innen und Ernährungsberater*innen zusammen und behandeln unter anderem Menschen mit Essstörungen. Im Laufe des Gesprächs erklärt die Ernährungsberaterin Greta, dass sie Magersucht habe. Die 15-Jährige kann es nicht glauben und denkt: „Die spinnt doch!“. 

Therapieangebote in Südtirol

In Südtirol gibt es vier spezialisierte Ambulanzen für Essstörungen – in Bozen, Brixen, Bruneck und Meran. Hier finden Betroffene Beratung und Therapie. Ebenso gibt es mehrere Anlaufstellen für die stationäre Betreuung, unter anderem das Therapiezentrum „Bad Bachgart“ in Rodeneck. Fachärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen bieten weitere Anlaufstellen. 

„Ich war Vollzeit essgestört.“

„Für ein Dreivierteljahr war mein Leben nur mit der Essstörung gefüllt. Ich war Vollzeit essgestört“, meint Greta jetzt. Aber es gibt einen Wendepunkt. Greta hat seit Monaten keine Menstruationsblutung mehr und ihr fallen die Haare aus. Die Ernährungstherapeutin macht Greta in einer Sitzung auf die möglichen Folgen der Magersucht aufmerksam: poröse Knochen, Haarausfall, Unfruchtbarkeit. Sie ist davon geschockt. Besonders die Vorstellung, später keine Kinder bekommen zu können, jagt ihr Angst ein. Sie nimmt Hilfe an. Die Südtirolerin geht regelmäßig zur Psychologin und isst mehr, aber die Stimme in ihrem Kopf bleibt. Die Stimme redet ihr Schuldgefühle ein, wenn sie isst, und sagt ihr, dass sie dünner sein muss. Greta macht bis zu drei Stunden Sport täglich, um die aufgenommenen Kalorien wieder zu verbrennen.

Die Stimme in Gretas Kopf ist hartnäckig. Bild: Drop Labs& ål nik auf Unsplash

 Der Parasit im Kopf

Obwohl Greta noch mitten in ihrer Essstörung steckt, gibt sie sich nach außen hin gesund. Viele Menschen in ihrem Umfeld denken schon lange, dass sie wieder gesund ist, obwohl die Stimme in ihrem Kopf noch dröhnt. Sie versucht, sich abzulenken. Plant jede freie Minute aus. Trifft Freund*innen. Das hilft ihr zwar für den Moment, aber wenn sie alleine ist, kommt die Stimme in ihrem Kopf zurück. Wie ein Parasit. Sie hat fast tägliche Heißhungerattacken. Manchmal isst sie nur einen Keks aus einer Packung und fühlt sich dann schuldig. Sie denkt sich: „Jetzt ist sowieso schon der ganze Tag gelaufen“ und isst die ganze Packung Kekse. Manchmal lässt sie das Frühstück aus und bekommt dann am nächsten Tag eine Fressattacke. Sie fühlt sich wie eine Versagerin und zwingt sich dazu, wieder eine Mahlzeit auszulassen. Es ist ein Teufelskreis, weil der Parasit in ihrem Kopf nicht verschwindet.

Menschen mit Magersucht erleben häufig einen inneren Druck, ihr Essverhalten und ihr Körpergewicht zu kontrollieren. Wenn sie diese Kontrolle vermeintlich verlieren, etwa durch eine Essattacke oder ein „verbotenes“ Lebensmittel, setzen oft sogenannte Kompensationsmechanismen ein. Das bedeutet: Sie versuchen, das Geschehene „wieder gutzumachen“. Manche Betroffene treiben exzessiv Sport, andere nehmen Abführmittel, um ihre innere Ordnung wiederherzustellen. 

Der Kampf gegen „Maja“ 

Bei einer der Therapiesitzungen schlägt die Psychologin vor, dem Parasiten in Gretas Kopf einen Namen zu geben. Sie nennt die Stimme Maja. Die Psychologin führt ein Interview. Zuerst mit Greta und dann mit Maja. Von da an weiß Greta: Die Krankheit ist nicht sie, sondern Maja. Sie erkennt, dass die Stimme ihr etwas Böses will. Das hilft. Sie trägt den Kampf also nicht gegen sich selbst aus, sondern gegen Maja. 

In der Psychologie spricht man von Externalisierung, wenn belastende Gedanken oder Anteile einer Erkrankung bewusst von der eigenen Person getrennt werden. Besonders in der Therapie von Essstörungen kann das helfen: Die kritische Stimme im Kopf, die ständig verurteilt oder zum Hungern drängt, wird dabei nicht mehr als Teil des Selbst gesehen – sondern als etwas Eigenständiges, fast wie eine andere Person. 

Durch diesen inneren Abstand verlieren die Gedanken an Macht. Betroffene können sich klarer abgrenzen und erkennen: Diese Stimme hat kein Recht, mein Leben zu bestimmen. Sie können beginnen, sich innerlich gegen sie zu stellen – und für sich selbst einzustehen. Externalisierung fördert Mitgefühl für sich selbst und hilft, Bedürfnisse wahrzunehmen, die durch die Essstörung unterdrückt wurden. Wenn die Krankheit nicht mehr als Teil der eigenen Identität empfunden wird, entsteht Raum für Veränderung – und für Heilung.

Greta geht offen mit ihrer psychischen Krankheit um und zeigt sie auch auf Instagram.
Bild: Gretas Instagram Account

„Mehr schmusen, weniger stressen“

Nach und nach nehmen bei Greta die Essattacken und der Sportdrang ab. Sie entwickelt eine gesunde Beziehung zum Essen. Heute sagt Greta, dass sie gutes Essen liebt. Scrollt man auf ihrem Instagram-Profil ganz nach unten, dann sind da Bilder von Greta mit Maja im Kopf. Als sie noch mitten in ihrer Magersucht steckte. Weiter oben ein Post mit einer Schrift. Schwarze Großbuchstaben auf weißem Hintergrund. Darauf: „Mehr schmusen, weniger stressen.“ Heute würde Greta ihrem früheren Ich raten, alles ein bisschen lockerer zu nehmen und meint: „Ich habe damals vergessen zu leben. Das Leben ist mehr als Kalorien zu zählen.“

Hilfsangebote: 
Österreichweit: Hotline für Essstörungen 0800 20 11 20
Österreichweit: Hotline des Netzwerk Essstörungen 0512 57 60 26 
Wien: https://www.sowhat.at/angebot/
Wien: https://www.intakt.at/unser-zentrum/was-wir-bieten/

Hinweis: Die Protagonistin dieses Textes ist der Autorin persönlich bekannt.

Autorin: Miriam Schwienbacher

Angesagt