Yasmin Kropp gründete mit 20 Jahren ihr erstes Start-up, häufte Schulden an, vertraute den falschen Menschen und landete fast in der Insolvenz. Was sie aus ihrem Misserfolg lernte und was das auch mit Fuck-Up-Nights zu tun hat.

bene. traf Yasmin Kropp im Café Ritter in der Mariahilfer Straße. Bild: bene

Zweimal bewarb sich Yasmin Kropp an der Fachhochschule in Graz für das Marketing-Studium und bekam Absagen. „Dann habe ich mir gedacht, es ist egal, ich probiere es einfach selbst“, erzählt die modern gekleidete Frau im traditionellen Ambiente des Cafés Ritter. Die 25-Jährige gründete 2020 gemeinsam mit ihrer besten Freundin eine auf Websites und Online-Marketing spezialisierte Agentur. Yasmin brachte ihr Know-How aus vorigen Jobs und nebenberuflichen Social-Media-Projekten für Freund*innen mit, ihre Freundin das Wissen zu Sales und Websites.

Sushi machte den Anfang

Sushi brachte sie auf die Idee. Während der Pandemie war ihr Lieblingsrestaurant laut Google geschlossen. Eines Tages fuhr sie vorbei und sah das Schild „zur Abholung geöffnet“. Die Information war online nicht zu finden. Geboren war die Idee, für Restaurants Dienstleistungen anzubieten. „Das Ganze ist dann eigentlich aus der Liebe zum Essen entstanden.“ Anfangs waren es Gastronomie und Hotellerie-Kunden, später kamen weitere Wirtschaftsbereiche dazu. Die Agentur wuchs schnell. Ein halbes Jahr später stellten sie ihre erste Mitarbeiterin ein. Nach einem Jahr waren sie zu sechst. Das Duo mietete ein Büro in Graz.

Mit dem Ukraine-Krieg begannen die Schwierigkeiten

Mit dem Büro kamen enorme Fixkosten hinzu, erzählt Yasmin. Anfangs war das noch kein Problem, da genug Einnahmen hereinkamen. Dann begann im Februar 2022 der Ukraine-Krieg. „Das haben teilweise auch unsere Kunden sehr stark gespürt.“ Einige Kund*innen aus der Gastronomie zahlten die Rechnungen später, andere gingen nachfolgend in Konkurs. Yasmin und ihre Geschäftspartnerin stemmten den Lohn ihrer Mitarbeiterinnen zunächst aus dem eigenen Ersparten. Ihre Kund*innen betreuten sie trotz Zahlungsrückstand weiter, da sie sie nicht verlieren wollten. Bei den Bürokosten bekam das Duo einen Zahlungsaufschub. Später folgte ein Bankkredit. Im Juni 2022 entließen sie die erste Mitarbeiterin. „Das war das schlimmste Gespräch, das ich je geführt habe.“ Es folgten weitere Entlassungen, der Rest der Mitarbeiterinnen kündigte. Yasmin und ihre Geschäftspartnerin standen vor 65.000 Euro Schulden.

Schulden und Unsicherheit führten zu einem „Knebelvertrag“

Das Start-Up-Team handelte nach der Pfändungsandrohung einen Zahlungsplan mit allen Partnern, Finanzamt und der Bank aus. Bis Dezember 2023 bezahlten sie die Schulden. Geklappt hat das innerhalb so kurzer Zeit, weil sie weiterhin bei ihren nichts ahnenden Eltern wohnten und bis zu 18-Stunden am Tag arbeiteten. „Wir haben uns verkrochen in unserer eigenen Blase. Je weniger Leute es wissen und uns ansprechen, umso weniger schlimm ist es“, erzählt Yasmin rückblickend. Kurz vor der Entlassung der ersten Mitarbeiterin im Juni 2022 nahmen sie zudem die Dienste einer Sales-Agentur an. Die Hoffnung: Mehr Aufträge durch das Know-How von Kalt-Akquise (Anm.: Das Anwerben von potentiellen Kunden kontaktiert, zu denen bisher keine Geschäftsbeziehung bestand ) und damit genug, schnellen Gewinn für die Zahlungs-Ausfälle zu generieren. Kurz vor dem Auslaufen des drei-Monats-Vertrags, der ihnen wirtschaftlich keine Vorteile brachte, luden die Gründer dieser Agentur sie zu einem Bootcamp nach Hamburg ein. Bei den Einzelcoachings wurden die Partnerinnen gegeneinander ausgespielt. Mit der Verunsicherung unterschrieben sie einen Jahresvertrag von zusätzlichen 30.000 Euro. „Es ist jetzt nicht so, dass wir das Unternehmen aufgegeben oder dass wir Insolvenz angemeldet haben, aber es war ein Millimeter davor.“

Das trügerische Versprechen des schnellen Geldes

„Yasmin hat eine spannende Geschichte, bei der es um Unsicherheit geht. Die Art von Hilfe, die sie sich geholt haben, findest du überall auf Instagram“, erzählt Dejan Stojanovic, Initiator der Wiener Fuck-Up-Nights. Auf Social Media versprechen Betriebe schnell verdientes Geld. Dahinter stehen eigene wirtschaftliche Interessen.  Yasmin wird im November ihre Geschichte bei der Fuck-Up-Night erzählen. 2014 brachte der ehemalige Jurist Stojanovic und selbst späterer Start-Up-„Fuck Up“ das Format in die Landeshauptstadt, das Sprecher*innen nach Misserfolgen eine Bühne gibt. Hier erzählen sie von ihren Ideen, der Umsetzung, dem Wendepunkt und dem eigenen Scheitern und was sie daraus gelernt haben. Danach stellt das Publikum Fragen. Dabei gehe es nicht darum anderen die Schuld zu geben oder von den großen Erfolgen zu erzählen. Dafür gebe es andere Bühnen, so Stojanovic. Mehr gehe es darum, Erfahrung und Wissen zu vermitteln und mit dem Publikum zu teilen. Nicht selten komme es vor, dass andere Gründer*innen bei einem Vortrag erkennen, dass sie Aspekte ihrer Unternehmen prüfen sollten. Oder dass sie mit Scheitern nicht allein sind. Das verbindet.

Ein Mediator half Yasmin und ihrer Geschäftspartnerin

Das Duo arbeitete das Erlebte im Hamburger „Boot-Camp“ zunächst nicht auf. Das Verhältnis war schwierig, denn die dort gesäten Zweifel an der jeweils anderen Geschäftspartnerin arbeiteten weiter. Am Ende eskalierte der Konflikt. Ihnen wurde klar, dass sie Hilfe brauchten. Diese fanden sie im Herbst 2022 durch einen Mediator. „Wir mussten sehr viel daran arbeiten, dass wir wie normale Menschen miteinander umgehen können.“ Mittlerweile sind sie wieder Freundinnen. Nach dem Abbezahlen der Schulden im Dezember 2023 bekamen sie Hilfe von einem weiblichen Sales-Coach. Sie brachte neben langjähriger Erfahrung aus großen Unternehmen für das Duo moralisch vertretbarere Taktiken mit. Statt Kalt-Akquise war nun besseres Marketing und ein anderer Umgang mit Anfragen Thema. Die Agentur von Yasmin arbeitet seitdem auch für größere Unternehmen, die weniger von der Pandemie betroffen sind, wie beispielsweise die UNIQA. Yasmin und ihre Partnerin stellten wieder Mitarbeiter*innen ein. Mittlerweile hat die Agentur sieben Mitarbeiter*innen und mit Graz und Wien zwei Standorte. Auf das Büro verzichten sie derweil und nutzen Co-Working Plätze. Das sei ein viel kleinerer Kostenfaktor.

Mit jedem Misserfolg kann man besser mit Fehlern umgehen

Fuck-Up-Night-Veranstalter Stojanovic sieht Fehler und Misserfolge als Prozess. „Mit jedem Fehler lernst du dazu und kannst auch besser mit Fehlern umgehen.“ Die größte Angst vor dem Scheitern komme laut seiner LinkedIn-Befragung von der Gewissheit, dass andere über einen urteilen werden. In Österreich und Europa brauche es eine neue Fehlerkultur. Als Vorbild sieht er die USA. Hier gelte das Prinzip „Scheiter schnell – scheitere klein“. In Europa bekomme man dagegen Ratschläge oder ernte Zweifel. „Wir sollten uns die Freiheit geben zu scheitern“, so Stojanovic. Auch er habe bei seinem ersten Start-Up-Misserfolg viel gelernt. „Daher weiß ich auch, wie wichtig es ist, gescheitert zu sein, weil es Teil der größeren Geschichte ist, die danach kommt.“ Den daraus entstehenden Erfolg müsse jede*r selbst definieren. Das könne bedeuten, dass man trotz öfter zu scheitern nicht aufgibt oder auch, dass die Idee nicht funktioniert. Vor den Veranstaltungen coacht Stojanovic die Speaker*innen. Hier schauen sie auf die Momente, die weh tun. Die seien essenziell, denn darin liege der Lerneffekt für die Einzelnen. Auch den Zuschauer*innen gibt er seit 2025 am Ende der Veranstaltungen Regeln mit. Demnach solle man Personen mit Ideen mit Know-How, Kontakten oder Geld unterstützen, falls das nicht gehe mit „Good vibes“ oder ansonsten den Mund halten. Mit Zweifeln werde der kreative Prozess und die Lernkurve gestoppt, bevor er erst anfange, ist Stojanovic überzeugt.

Durch den Misserfolg lernte Yasmin viel über das Unternehmersein dazu

Zur Fuck-Up-Night fand Yasmin durch ihren LinkedIn Post zu der Sales-Geschichte, der viral ging. Über 100.000 Personen erreichten sie damit. Viele Menschen, die dasselbe durchgemacht hatten, meldeten sich bei ihr und brachten auch die Veranstaltung ins Spiel. Yasmin sieht die Fuck-Up-Night als Option andere vor denselben Fehlern zu bewahren. Den Misserfolg wolle sie nicht missen. Gelernt habe sie in den drei Jahren einiges. „Ich habe in der Zeit so unfassbar viel gelernt über mich, über das Unternehmersein, Schwächen, Stärken und Lösungswege.“ Heute würde sie früher mit den involvierten Personen sprechen und Hilfe holen. „Man glaubt gar nicht, wie viele Leute einem helfen können.“ Zudem solle man sich immer wieder zurückbesinnen, warum man das Start-Up gegründet hat und offen mit Geschäftspartner*innen kommunizieren. Auch der Austausch mit Menschen, die schon gescheitert sind – wie beispielsweise bei einer Fuck-Up-Night – sei durch die Tipps und den Mehrwert sinnvoll. „Ich glaube, man muss mal scheitern, um weiterzukommen und ich finde, dass in Österreich viel mehr von der Kultur hergehört, dass Scheitern voll okay ist.“

Die nächste Fuck-Up-Night findet am 11. September in der Ottakringer Brauerei statt. Zudem ist eine Studenten-Edition Ende Oktober geplant. Der Termin folgt.

Autor: Jeanette Römer

Angesagt